„Das Evangelium ist auf Resonanz ausgerichtet“

Professor Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, im Gespräch

Bischof Martin HeinGeboren wurde der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Professor Dr. Martin Hein, nicht in Hessen – was er sehr bedauert –, sondern in Wuppertal. Als er fünf Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm in den Hanauer Stadtteil Kesselstadt. Nach dem Abitur in Frankfurt studierte Hein zunächst Jura, entschied sich dann aber für die Theologie. „Ich hatte ein großes Interesse, in das Geheimnis der Welt einzusteigen“, sagt der Sechzigjährige, der seit 1. September 2000 an der Spitze der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck steht. Im Gespräch mit PfarrerInnen und MitarbeiterInnen des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald im Rahmen einer Fortbildung in Kassel zeigte sich der Bischof sehr offen.

Herr Bischof Hein, Sie waren dabei, als der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zum neuen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt wurde. Wie war Ihr Eindruck?
Martin Hein: Es war eine überzeugende Wahl mit einem überzeugenden Ergebnis. Natürlich ist damit ein Präjudiz geschaffen: Bedford-Strohm würde das Amt nie nur für ein Jahr übernehmen. Das ist eine Perspektivenentscheidung gewesen und mit einer Stimmenmehrheit von über 80 Prozent eine klare Entscheidung für einen Bischof, der intellektuell auf der Höhe ist und sich in den Medien darstellen kann. Das ist heute ja wichtig.

Wie würden Sie einen jungen Menschen dazu bringen, die Pfarrerlaufbahn einzuschlagen?
Martin Hein: Es sind vor allem diese beiden Dinge, die überzeugen: Du hast einen sicheren Beruf und Du gewinnst den schönsten Beruf, den Du Dir vorstellen kannst. Ich selbst besuche Schulen und werbe für die Pfarrerlaufbahn. Es ist wichtig, dass der Chef kommt, das machen andere Unternehmen wie zum Beispiel K + S auch.

Wir haben VW in Baunatal besucht. Dort hieß es, dass VW bis 2018 Weltmarktführer werden möchte. Das ist ein klares Ziel. Welche quantifizierbaren Ziele hat die Kirche?
Martin Hein: Unsere Landeskirche hat ein Qualitätshandbuch ausgearbeitet, 500 Seiten stark, mit quantifizierbaren Zielen und vielen guten Ideen. Das ist eher vergebliche Mühe gewesen. Denn die Leute haben es nicht als Unterstützung gewertet, sondern als Kontrollinstrument. Formeln wie „Zuversichtlich kleiner werden“ oder „Wachsen gegen den Trend“ überzeugen mich nicht. Wir schrumpfen. Was die Austrittszahlen betrifft, waren wir als Kurhessen in der EKD an vorletzter Stelle. Aber es sind jetzt bei uns insgesamt 14.000 Menschen, die wir in einem Jahr verlieren – nicht allein durch Austritt, aber auch! Das hat mit dem früheren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst zu tun und mit der Abgeltungssteuer. In zwei Jahren faktisch einen Kirchenkreis zu verlieren, ist hart. Aber ich kann es in den Gemeinden kaum vermitteln. Die Kirchenvorstände sehen nicht ein, dass Stellen gespart werden müssen, denn der innere Kreis der Engagierten bleibt ja.

Kassel3HPWohin will die Kirche?
Martin Hein: Das Evangelium hat eine Bedeutung für das persönliche Leben. Die Leute aber fragen, was bringt mir das? Ich werde unseren Jahresbericht unter das Motto „Verbindliche Volkskirche“ stellen. Die Tatsache, dass Menschen freiwillig Kirchensteuer zahlen, halte ich für einen Akt der Partizipation. Was unsere Entwicklung anbelangt, so kann ich mir viel vorstellen. Was ich nicht will, ist eine Freikirche zu werden, denn das bedeutet Milieuverengung.

Was sollte sich verändern?
Martin Hein: In Prüfungen frage ich oft nach der Kirchentheorie von Dietrich Bonhoeffer, der sein Kirchenverständnis in dem Begriff „Kirche für andere“ verdichtete. Kirche ist demnach nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist. Sie soll ihren Besitz den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen von den Gaben der Gemeinden leben und eventuell einem weltlichen Beruf nachgehen, so Bonhoeffer. Wie aber können wir Kirche für andere sein, ohne die zu vernachlässigen, die zu uns gehören? Wir müssten neue Kommunikationsformen finden im Sinne von: Welchen Weg will die Kirche einschlagen? Das sind Überlegungen, und zwar als offener Prozess, an dem sich alle beteiligen können, die sich beteiligen wollen. Wir sollten in den digitalen Raum hineingehen und auch die Kritiker zu Wort kommen lassen. Es geht für mich um Resonanz. Wenn wir keine Resonanz mehr haben, sind wir überflüssig. Das Evangelium ist auf Resonanz ausgerichtet. Es bedeutet Beteiligung: Wir nehmen euch Ernst. Die Mitgliedschaft in einer Kirche ist schon eine Form der Beteiligung. Ich glaube, dass wir mit neuen Formen Leute erreichen können. Bei VW sind die Mitarbeiter nicht nur vom Produkt überzeugt, sie sind stolz auf das, was sie machen. Das ist etwas Emotionales. Bei uns passiert sehr viel Tolles in den Gemeinden – und trotzdem hört das Schrumpfen nicht auf. Aber ich kann mit Blick auf die Zukunft der Kirche nicht nur mit Statistiken arbeiten. Ich bin im nächsten Jahr seit 50 Jahren Fan von Eintracht Frankfurt. Wäre ich nur an Erfolgen orientiert, wäre dieser Verein kein Identifikationsobjekt. Emotionalität lebt davon, dass es beides gibt: Sieg und Niederlage. Der Glaube hat auch ein hohes emotionales Potenzial. Das zu vermitteln ist etwas, das mich zutiefst berührt.

Was tun Sie, um Ihre Mitarbeiter zu motivieren?
Martin Hein: Zu wenig. Meine Stellvertreterin, Prälatin Natt, fährt jede Woche einen halben Tag raus und lässt sich von Pfarrerinnen und Pfarrern einladen, die mit ihr sprechen möchten – im Pfarrhaus auf dem Sofa oder im Ort. Im Grunde müsste ich auch noch mehr Besuche machen, um zu zeigen, dass wir nahe bei den Mitarbeitenden sind und ihre Fragen teilen.

Glaube hat mit Emotionen zu tun, sagen Sie. Wie erleben Sie das selbst?
Martin Hein: Wir können Kirche nur geistlich leiten, wenn wir auch geistlich leben. Ich bete jeden Tag, bevor ich mein Tagwerk beginne. Ich gehe sonst mit meiner Frömmigkeit nicht allzu sehr vor die Haustür. Als ich kürzlich in der Semperoper die live gespielte Musik von Richard Strauss zur Aufführung des Stummfilms „Der Rosenkavalier“ gehört habe, sind mir die Tränen gekullert. Und ich glaube, dass auch Gottesdienste das erreichen können – die tiefen Schichten anzusprechen, die mich ahnen lassen: Ich bin mit Gott verbunden.

Wo kommen Emotionen in der Ausbildung vor?
Martin Hein: Die Ausbildung ist sehr stark auf das Kognitive ausgerichtet. Aber wir sollten Bibeltexte auch unmittelbar aufnehmen, sie an uns ranlassen und die Emotionalität aufnehmen – und auch mal laut sagen, was mich am Glauben bewegt.

Wie definieren Sie Erfolg bei der Arbeit?
Martin Hein: Ich bin in diesem Amt glücklich. Warum? Weil es so abwechslungsreich ist und die Herausforderung immer da ist, sich auf neue Situationen einzustellen. Ich arbeite hart, nehme mir aber auch freie Zeit. Nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance schauen, finde ich wichtig. Normalerweise habe ich eine robuste Gesundheit, in diesem Jahr aber war ich drei Wochen im Krankenhaus, ich wurde sechs Mal operiert und habe gemerkt, wo meine Grenzen liegen. Beruflich ist es wichtig, dass Sie Menschen haben, die Ihnen das widerspiegeln. Bei mir gibt es einen Kreis sehr enger Vertrauter. Das tut mir unheimlich gut!

Lässt sich das Gebet, die emotionale Betroffenheit in die Ausbildung aufnehmen?
Martin Hein: Ich würde es versuchen. Es hilft. Das Gebet ist wie ein offenes Gespräch. Auch wenn Altkanzler Helmut Schmidt mal auf die Frage, ob er betet, geantwortet hat: „Nein, ich führe keine Selbstgespräche.“ Beten hilft mir! Oder nehmen wir die Kirchenmusik. Wenn etwa in der Christuskirche hier in Kassel Gospel angesagt ist, sind 400 Menschen in der Kirche, da swingen 70-Jährige mit. Das ist fantastisch! Die Musik ist eine große Chance. In jeden Kirchenkreis gehört eine Jugendkantorei. Ich bin überhaupt nicht skeptisch beim Blick auf die Zukunft. Geld ist nicht das Problem. Was uns fehlt, ist mehr Pep, mehr ansteckende Begeisterung.

Aufgezeichnet von Silke Rummel
Fotos: Silke Rummel, Michael Merbitz-Zahradnik