"Wir können mit Geld viel ausrichten"

Wirtschaftswissenschaftler und „Publik-Forum“-Chefredakteur Dr. Wolfgang Kessler plädiert in der evangelischen Kirchengemeinde Reichelsheim für einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld
Kessler1HPGeld und Gewissen – eine schwierige Beziehung. Das erlebte Wolfgang Kessler, als er vor 25 Jahren am Bodensee über eine Firma recherchierte, die Pumpen und Rohre für die Wasserversorgung produzierte. Der Wirtschaftsjournalist erhielt einen Hinweis, dass die Firma ihre Rohre auch für andere Zwecke liefere. Tatsächlich: Die Rohre wurden kreativ umgebaut – zu Panzerrohren, auch für den Irak. Und es stellte sich heraus, dass die Firma Kredite einer örtlichen Bank erhalten hatte. Ob er mit seinen Spargroschen Panzerrohre für Saddam Hussein finanziert habe, wurde Kessler bei einer Demonstration von jemandem gefragt. Kesslers Antwort: „Wahrscheinlich, aber er hatte es ja nicht gewusst.“

Das ist nur ein Beispiel von mehreren, die der promovierte Wirtschaftswissenschaftler und „Publik-Forum“-Chefredakteur Wolfgang Kessler nennt, um die undurchsichtigen Wege des Geldes zu beschreiben. „Das Geld, das Gewissen und wir – über das Finanzsystem, die Politik und einen anderen Umgang mit dem Geld“ lautete der Titel seines Vortrags, den er am Dienstagabend im sehr gut besetzten  evangelischen Gemeindehaus auf Einladung der Reichelsheimer Ökumenischen Männerrunde (RÖMeR) hielt. Passend zum Jahresthema „Beziehungsweise(n)“ des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald ging es an diesem Abend gewissermaßen um Geldbeziehungen. Der Vortrag sei ein kleiner Spot, was mit Geld alles im Argen liegen könne, wie Dr. Bernhard Frassine (RÖMeR)  in seiner Einführung sagte.

Kessler2HPFinanzmärkte wurden immer weiter liberalisiert
An den 25. September 2008, ein Donnerstag, erinnert sich Kessler noch sehr genau: Er saß in der Bundespressekonferenz, als der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sichtlich geschockt den Satz sagte: „Niemand sollte sich täuschen. Die Welt wird nicht mehr so werden wie vor dieser Krise.“ Zehn Tage zuvor war Lehman zusammengebrochen. Das Finanzsystem wankte. Dabei, so Kessler, hätte es nicht so weit kommen müssen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Weltwährungssystem Stabilität versprochen. Die Leitwährung Dollar war durch Gold gedeckt, überwacht vom Internationalen Währungsfonds.

Das änderte sich Ende der 1960er Jahre, als in den USA mehr Geld auf den Markt gebracht wurde, um den Vietnamkrieg zu finanzieren. Mitte der 1980er Jahre setzten verschiedene Regierung, unter anderem die von Margret Thatcher, zunehmend auf den Wirtschaftsliberalismus – der Staat soll sich aus der Wirtschaft zurückziehen, damit diese sich frei entfalten, ihre Gewinne erhöhen und in neue Arbeitsplätze investieren könne. Doch die hohen Gewinne und Vermögen wurden nicht reinvestiert, sondern flossen auf die Finanzmärkte, so Kessler.

Mit der politischen Revolution 1989 sei der Kapitalverkehr weiter liberalisier, sämtliche Beschränkungen, zum Beispiel für Nahrungsmittel-Spekulationen, seien aufgehoben worden. Steueroasen, Schattenbanken, die so heißen, weil sie keiner Aufsicht unterliegen, und Investmentbanken entstanden. Das Geld fließe dorthin, wo möglichst viel Rendite erzielt werden könne. Das System werde immer schneller und treibe eine Wachstumswirtschaft an, die für die möglichst schnelle Ausbeutung der Ressourcen sorge. „Entstanden ist ein System, das Gier belohnt und Verantwortung verdrängt“, sagte Kessler. Das betreffe auch die Beziehungen zwischen den Menschen.

Das Geld soll den Menschen dienen, nicht umgekehrt
„Aus der Krise führt nur eine grundlegende Veränderung im Denken: Heute dienen die Menschen dem Geld. Sie müssen dafür sorgen, dass das Geld ihnen dient.“ Fünf Vorschläge hielt Kessler parat: Erstens brauche es einen aktiven Staat, der dafür sorge, dass mehr Geld bei den Menschen unten ankomme, in der Forschung, in der Gesundheit und Pflege, zum Beispiel über einen gesetzlichen Mindestlohn und Erbschaftssteuer. Zweitens brauche es Grenzen für die Finanzmärkte, etwa durch die Erhöhung der Eigenkapitalquote und Finanztransaktionssteuer. Drittens: ein verantwortungsvoller Umgang der Banken und Sparer. „Sparer haben viel Macht“, es gebe in sämtlichen Bereichen auch sozialethische Alternativen. Wichtig sei, viertens, dass mehr Geld in die eigene Stadt oder Region fließe, zum Beispiel über eine regionale Währung, mit der im Chiemgau sehr erfolgreich agiert werde. Fünftens sei es auf persönlicher Ebene wichtig, den Stellenwert von Geld zu überdenken, so Kessler. „Geld kann viel anrichten, aber wir können auch mit Geld viel ausrichten.“Kessler3HP
Im Anschluss gab es eine rege Diskussion und viele Fragen aus dem Publikum. Ist ein Systemcrash die Lösung? Gibt es Mut machende Beispiele? Wie könne es zu einem Umdenken, einem „spirituellen Klimawandel“, wie einer es nannte, kommen? „Die Kirchen habe da eine große Chance“, sagte Kessler. Er halte das Ziel materieller Zuwachs Jahr für Jahr für unrealistisch. Für ihn sei ein Crash nicht die Lösung, denn er befürchte, dass dann die Falschen getroffen würden und die alten Machtstrukturen erhalten blieben. Mut machende Beispiele gebe es, sagte Kessler, und nannte vier Banken, die transparent und ethisch arbeiten. Es brauche außerdem eine politische Bewegung, die immer wieder von Politikern verlange, dass sie Regeln schaffen. Abschließend dankte Dekan Joachim Meyer dem Referenten und dem Publikum, das großes Potenzial habe.

Zur Person
Wolfgang Kessler, Jahrgang 1953, ist promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Bevor er in den 1980er Jahren Journalist wurde, war er beim Internationalen Währungsfonds (IWF) tätig. Seit 1999 ist er Chefredakteur von „Publik Forum“ und Autor zahlreicher Bücher. 2007 wurde Kessler mit dem Internationalen Bremer Friedenspreis ausgezeichnet.


Bildtext: Der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Dr. Wolfgang Kessler nahm im gut besuchten evangelischen Gemeindehaus in Reichelsheim das Finanzsystem unter die Lupe. Es ging gewissermaßen um Geldbeziehungen – passend zum Jahresthema „Beziehungsweise(n)“ des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald.

Text + Fotos: Silke Rummel