„Hinter jeder Zahl steht ein Schicksal“

Kundgebung auf dem Marktplatz in Dieburg setzt ein Zeichen für weltweit verfolgte Christen/Veranstalter sind Evangelisches Dekanat Vorderer Odenwald, Katholisches Dekanat Dieburg und die christliche Menschrechtsorganisation Open Doors
OpenDoorsHPEs sind schreckliche Bilder, die die katholische Schwester Mariana aus dem indischen Odisha  mitgebracht hat: Sie zeigen lodernde Bibeln, brennende Häuser, zerstörte Klöster und Kirchen, geplünderte Geschäfte und verbrannte Kinder. Im Jahr 2008 wurde der Hinduführer Laxamananda Saraswati getötet. Dieses sei den Christen angelastet worden, berichtet sie. Es kam zum antichristlichen Pogrom, bei dem mehr als 500 Christen getötet und Tausende von Häusern zerstört wurden. Sie selbst habe sich mit drei anderen aus ihrer Glaubensgemeinschaft in einem Maisfeld versteckt. Seit 2009 ist sie in Deutschland.

Der Dieburger Marktplatz ist am Donnerstagabend voller Menschen. Rund 300 bis 400 sind gekommen, um ein Zeichen zu setzen und den verfolgten Christen auf der ganzen Welt zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Das Evangelische Dekanat Vorderer Odenwald, das Katholischen Dekanat Dieburg und die Menschrechtsorganisation Open Doors haben die Kundgebung gemeinsam organisiert. Die Journalistin Andrea Seeger moderierte, die Jugendband St. Wolfgang begleitete die Kundgebung musikalisch.Kundgebung6HP

Derzeit werden laut Schätzungen von Open Doors etwa 100 Millionen Christen wegen ihres Glaubens in rund 50 Ländern verfolgt. So viele wie nie zuvor – und trotzdem ist das Thema kaum im öffentlichen Bewusstsein. Auf der Suche nach Material und Ideen, um ihren Konfirmandinnen und Konfirmanden den „Mehrwert“ von kirchlichem und christlichem Leben näher zu bringen, sei sie vor zwei Jahren auf das Thema Christenverfolgung gestoßen, berichtet Evelyn Bachler, Pfarrerin und stellvertretende Dekanin des Dekanats Vorderer Odenwald. „Ich dachte bis zu diesem Zeitpunkt, Christenverfolgung gehört in den Geschichtsunterricht und ist seit 2000 Jahren mehr oder weniger erledigt.“ Mitnichten. Das Thema sei ihr ein Herzensanliegen geworden, so Bachler. „Wir sollten uns mit denen solidarisieren, die ganz unten sind“, sagt der katholische Dekan Christian Rauch.

Kundgebung2HPVon Verfolgung am schlimmsten betroffen sind Christen in Nordkorea. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Weltverfolgungsindex, den eine internationale Arbeitsgruppe von Open Doors seit 1993 erstellt und dafür die Situation der Christen in Staaten mit eingeschränkter Religionsfreiheit jedes Jahr neu bewertet. Nordkorea wolle das Ausland glauben machen, dass dort Religionsfreiheit herrsche, erläutert Open Doors-Leiter Markus Rode. Darum würden auch Bilder von Gottesdiensten gezeigt, doch die seien inszeniert. Die Weltverfolgungsindex-Liste 2015 reicht von Somalia, Irak und Syrien über den Iran und das vermeintliche Urlaubsparadies Malediven bis hin zum Fußball-WM-Austragungsland Katar. Die stärkste Zunahme der  Christenverfolgung vollziehe sich in Afrika, heißt es in dem Bericht. Nach drei Jahren ist zudem die Türkei wieder unter die ersten 50 Länder des Weltverfolgungsindex zurückgekehrt.

Es geht um die allgemeine Religionsfreiheit
„Jeder Einzelne ist zu viel, hinter jeder Zahl steht ein Schicksal“, sagt Evelyn Bachler. Aber es gehe nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen oder zu verurteilen, vielmehr sollten die dokumentierten Fälle von Open Doors deutlich machen, „dass es um die allgemeine Religionsfreiheit geht“, so Bachler.

Sabri Alkan, assyrischer Christ von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), schildert die Situation verfolgter Christen in Syrien und im Nordirak. Am dramatischsten sei die Situation in Nordsyrien im Februar gewesen, so Alkan, als die Extremisten des „Islamischen Staats“ (IS) in der Provinz Hassaka elf Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht und mehr als 200 Menschen verschleppt hätten. Er berichtet von einem Interview mit einem Flüchtlingsmädchen, das sagte, es  vermisse nichts, sondern sei dankbar, überlebt zu haben. Und es habe gesagt, Gott solle den Menschen, die sie vertrieben hätten, verzeihen – was zu einem spontanen Applaus bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kundgebung führt.

Es sei ein großes Geschenk, dass sich Open Doors und andere Organisationen für die Christen im Nahen Osten einsetzten, sagt Alkan. Mittlerweile sei der fünfte Hilfstransport auf dem Weg in den  Nordirak, erläutert Heinz Ernst von der IGFM. Sie versuchten, in den betroffenen Ländern vorbeugend etwas zu tun. „Mein Wunsch ist, dass Christen ihren Glauben leben können.“Kundgebung3HP
Viele Muslime ziehe es zum christlichen Glauben, das mache Hoffnung, sagt Markus Rode. Verfolgte Christen seien Teil des Leidens Christi. „Wir müssen Verantwortung übernehmen“, appelliert er, bevor die Kundgebung mit einem von Evelyn Bachler und Christian Rauch gesprochenen Gebet zu Ende geht.

Text: Silke Rummel, Fotos: Open Doors (ganz oben), Silke Rummel


Bildtexte: Schwester Mariana schildert anhand von Bildern die antichristlichen Pogrome im indischen Odisha im Jahr 2008 (2. Bild von oben). Der katholische Dekan Christian Rauch und die evangelische Dekanin Evelyn Bachler im Gespräch mit Moderatorin Andrea Seeger (Mitte; 3. Bild von oben). Heinz Ernst (links) und Sabri Alkan von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) berichten von Christenverfolgungen im Irak und in Syrien.