Ein Leben nach der Prostitution

Es ist ein Novum im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald: Vom 5. bis 19. April reist ein ganzer Projektchor nach Südafrika, um die Partnergemeinden in Kapstadt zu besuchen. Annette Hermann-Winter, Pfarrerin für Ökumene und eine der Organisatorinnen, berichtet.

grizeldaHPDie Besuchergruppe bei „Embrace dignity“: Br. George, Annette Herrmann-Winter, Anne Fette, Monika Roßmann, Doris Schreiber mit Grizelda GrootBoom

Grizelda GrootBoom sitzt vor uns. Eine attraktive junge Frau, 25 Jahre alt. Ihre Geschichte bewegt uns alle zutiefst. Wir sind an diesem Morgen zu Gast bei „Embrace dignity“ einer Organisation, die seit fünf Jahren in Kapstadts Zentrum sich um Frauen kümmert, die aus der Zwangsprostitution aussteigen wollen.

Grizelda wurde mit neun Jahre vergewaltigt und dann in die Prostitution gezwungen. Von Freunden, wie sie sagt. Bis sie 18 Jahre alt war, hat sie die ganze Hölle von Missbrauch, Erniedrigung, Gewalt und Drogen erlebt. Die erzwungene Abtreibung ihres Babys hat ihr die Augen geöffnet und sie konnte den Mut aufbringen, sich zu verweigern. Über einen mühsamen Weg, bei dem sie beinahe zu Tode geschlagen wurde, hat sie herausgefunden aus diesem nicht enden wollenden Kreislauf. Heute sitzt eine stolze junge Frau vor uns. Sie sagt von sich, dass die innere Heilung ein kontinuierlicher Prozess ist. Zwischenhinein gibt es Tage, an denen sie sich noch immer wertlos fühlt. Wieder Vertrauen in Menschen zu gewinnen ist und bleibt ein hartes Stück Arbeit.

Grizelda ist unterwegs für Embrace dignity. Sie kennt die Szene und klärt Mädchen und junge Frauen über die Hilfsangebote für den Ausstieg auf. Während in Deutschland 80 Prozent der Frauen in der Prostitution Ausländerinnen sind, betrifft es in Südafrika fast nur einheimische Frauen. Das bedeutet, dass sie zusätzlich zu ihrem Leid meist aus ihren Familien verstoßen werden.  Wir haben kaum Sprache, um an diesem Morgen auszudrücken, was für fühlen und denken. Grizelda bittet uns, mit ihr gemeinsam zu beten. In diesem intensiven Moment haben wir das Gefühl, dass wir sie ein wenig tragen und unterstützen können. Sie wird in unseren Gedanken weiter präsent sein. Ihr Schicksal und ihre Kraft bleiben als Eindruck in uns zurück als wir die Räume von „Embrace dignity“ verlassen.

Eine herzliche und warme Begrüßung
Der Projektchor des Dekanates Vorderer Odenwald ist mit viel Herzlichkeit und Wärme bei den Gastgebern in Kapstadt aufgenommen worden. Nach 14 Stunden Reisezeit wurden die 25 Sängerinnen und Sänger in der Kirche in Bridgetown – Partnergemeinde von Reichelsheim– begrüßt und von ihren Gastgebern in Empfang genommen. Mitglieder des Partnerschaftsausschusses der Moravian Church in Kapstadt begleiteten die Gruppe am ersten Tag auf den Tafelberg. Bei strahlendem Sonnenschein und Wärme konnten alle einen grandiosen Überblick über die Stadt an der Südspitze Afrikas erleben.

tafelbergHPDer Besuch in Kapstadts früherem Zentrum, dem Distrikt 6, führte den Chor zurück in die noch immer offene Wunde der Apartheid. Das gewachsene historische Stadtviertel mit Häusern im viktorianischen Stil, in dem einst pulsierendes Leben das Miteinander der Schwarzen und Farbigen bestimmte, wurde am 1966 systematisch dem Erdboden gleich gemacht. Laut Beschluss der rassistischen Regierung sollten Schwarze nicht mehr im Zentrum von Kapstadt wohnen und sichtbar sein. Die Bevölkerung wurde enteignet und in Townships am Rande von Kapstadt umgesiedelt. Einzig geblieben ist die erste Kirche der Moriavians in Kapstadt. Sie steht heute einsam auf dem Gelände des ehemaligen Distrikt 6 und wartet, dass die Bewohner von einst Leben in diesen Stadtteil zurückbringen.

Gottesdienste in den Partnergemeinden
Am Sonntagmorgen sind alle Teilnehmenden der Chorreise auf insgesamt neun Kirchengemeinden verteilt. Sie überbringen Grußworte und Geschenke aus unserem Dekanat. Die frühere Partnergemeinde von Dieburg ist eine kleine Gemeinde mit etwa 65 Mitgliedern. Eine große Nähe und Verbindlichkeit der Gemeindemitglieder entsteht im Morgengottesdienst durch einen langen Teil „Ankündigungen“. Hier teilt ein Ehepaar mit, dass beide ihren 70. Geburtstag gefeiert haben.  

esraHPDer kleine Esra wurde in dieser Woche ein Jahr alt. Seiner Mutter wünscht die Gemeinde im anschließenden Gebet Gottes Segen für die Erziehung. Über die Altersspanne zwischen 70 und dem ersten Lebensjahr wird gelacht und Erinnerungen an die eigene Kindheit ausgetauscht. Ein Gemeindemitglied ist gestorben, und alle singen ein Lied für die trauernden Angehörigen. Man nimmt aneinander Anteil.

Die Konzerte als Höhepunkt
Rund 150 Besucher aus allen Kirchengemeinden des Distrikt 3 der Moravian Church in Kapstadt kamen am Sonntag zum feierlichen Konzert des Projektchores des Dekanates Vorderer Odenwald in Lansdowne/Kapstadt, der Partnergemeinde von Wersau. Das bunte Programm aus klassischen Stücken, Volksliedern und Afrikanischen Liedern wurde gemeinsam mit dem Chor des Partnerdistrikts und Solisten gestaltet. Ronnie Smid, der Mitbegründer der Partnerschaft vor 28 Jahren, war sehr bewegt und meinte, das sei ein herausragendes Ereignis der Begegnungsarbeit gewesen. Die Besucherinnen und Besucher unterstützten den Chor bei bekannten Liedern. So war beispielsweise das Lied „Senzenina – Was haben wir getan?“ ein bewegender Höhepunkt des Konzertes. Das Lied steht für die schwarze und farbige Bevölkerung Südafrikas für die Zeit des Kampfes gegen die Apartheid. Es ist immer noch aktuell in einem Land, in dem viele Kinder immer noch keinen Zugang zu Bildung haben und Armut und Arbeitslosigkeit täglich ansteigen.

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Der Projektchor setzt seine Reise diese Woche fort mit Besuchen im schwarzen Township Kayelitsha und auf Robben Island, dem einstigen Gefängnis von Nelson Mandela.

Wer mehr über die Reise nach Südafrika lesen möchte: Den Link zum Blog finden Sie >>>hier<<<.