Das Glauben verbindet

Ökumene: Muslime der Ditib-Moschee in Dieburg besuchen die Groß-Umstädter Stadtkirche

muskir01HPEs ist nur eine kleine Delegation von Muslimen von der Ditib-Moschee in Dieburg, die der Einladung des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald zu einem Treffen in der Umstädter Stadtkirche gefolgt sind. Das Empfangskomitee auf christlicher Seite ist ein wenig größer. Es geht um Unterschiede und Gemeinsamkeiten, es wird gemeinsam gebetet und gesungen, am Ende spricht Imam Ahmed Sal von der Gemeinsamkeit des Glaubens. Er meint damit das Glauben, nicht den Glauben.

Die Ditib-Moschee in Dieburg – Ditib steht für „Türkisch islamische Union der Anstalt für Religion“, eine Art Dachverband der Muslime in Deutschland – öffnet schon seit vielen Jahren ihre Pforten gelegentlich für Menschen anderen oder auch gar keinen Glaubens. Der „Gegenzug“ stand seit Langem aus. Dass er jetzt erfolgt, daran hat Pfarrerin Annette Herrmann-Winter, Beauftragte für Ökumene im Dekanat, großen Anteil. Sicher, das griechische Wort ikomeni spannt das gemeinsame Dach des Glaubens ziemlich weit, aber die Variante der Abrahamitischen Ökumene unter Einschluss der monotheistischen Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam ist nicht jedem geläufig.

Ein Rundgang durch die Stadtkirche
Herrmann-Winter begrüßt die Besucher aus Dieburg und die später als Übersetzerin brillierende Aysel Torun, Vorsitzende des Ausländerbeirats Groß-Umstadt mit Gästeführer Hans-Peter Waldkirch auf dem Marktplatz. Sie lädt dazu ein, die Kirche (türkisch kilise, das vom griechischen ekklesia abgeleitete Wort fällt später häufig) im Pilgerschritt in Augenschein zu nehmen: „Zwei vor, einen zurück.“ Das tut dann  niemand wirklich, aber die Geschwindigkeit bleibt gedämpft.

Zunächst geht es um Architektur, Gästeführer Waldkirch gibt Erklärungen zum Dach und später auch zur Baugeschichte. Die Ökumene-Pfarrerin fordert die Besucher im Inneren dazu auf, Unterschiede und Ähnlichkeiten zu benennen. Bald geht es um die Abbilder von Lebewesen in den Fenstern des Chors und um alte Reste einer Wandbemalung. Für Katholiken sind evangelische Kirchen im Regelfall irgendwie „leer“, für Muslime wegen der gegenständlichen Schmuckelemente „zu voll“.

Es geht auch um die Ausrichtung von Kirchen und Moscheen. Moscheen: Richtung Kaaba in Mekka, hier Ostsüdost. Kirchen: im Regelfall West-Ost. Stadtkirchenpfarrer Christian Lechelt unterlegt dies mit einer Orientierung Richtung Jerusalem und versucht sich in Gemeinsamkeit: „Verschiedene Städte, aber etwa gleiche Richtung.“

Säulen und Raumhöhe kommen den Muslimen vertraut vor. Und der Altar, der sie an den Tisch erinnert, auf den Verstorbene im Verlauf ihrer Beerdigung gebahrt werden. Pfarrer Lechelt sucht den Boden für weiteren Nähe zu bereiten, indem er dem „Absolutismus“ im Glauben eine Absage erteilt, doch erreicht er damit das Gegenteil.

„Ich weiß, dass ich irre“, weil Irren ja menschlich ist und die Bibel von Menschen aufgezeichet sei, mündet in die Benennung einen messerscharfen Unterschieds: „Unser Buch ist Gottes Wort, und das hat absolute Geltung“ wird ihm entgegen gehalten.

Es wäre interessant gewesen, dieser „Absolutheit“ ein wenig weiter nachzugehen und zu untersuchen, warum gerade diese in einer durch und durch relativistischen Kultur eine so große Anziehung auf potenzielle „Gotteskrieger“ ausübt, doch im Namen der Ökumene will keiner der Beteiligten dieses Fass weiter öffnen.

So endet der Besuch mit Gebeten in der Annahme, dass sie sich an einen gemeinsamen Gott richten, mit Gesang und der Feststellung des Imams: „Wir sind uns nahe, weil wir glauben.“

Text und Foto: Klaus Holdefehr