Die Glocke ist weg

Die kleinste und älteste Glocke von Babenhausens Stadtkirche ist kaputt. Am Dienstag nach Pfingsten wurde sie mit einem Kran abmontiert und zur Reparatur nach Holland gebracht. Bis sie zurückkommt, dauert es mindestens acht Wochen.

GlockeHPDen Kopf im Nacken verfolgen Männer, Frauen und Kinder, was am Dienstagmittag an Babenhausens Stadtkirche passiert. Ein Kran steht an der Kirche, das Dach über dem Chorraum ist offen.  Oben auf dem Gerüst hängt ein Arbeiter die Glocke in den Haken, an einem langen Drahtseil baumelt sie schließlich hinunter zur Erde.

Es ist Babenhausens kleinste und älteste Glocke – und die mit dem höchsten Ton, dem Es. Sie stammt aus dem Jahr 1383, wiegt 200 Kilo und hat einen Durchmesser von 72 Zentimetern.  „Wenn ich fromm erklinge, gedenke deines Volkes, Maria!“ steht an ihrem Rand geschrieben.
Am Sonntag nach Weihnachten war sie kaputt gegangen. Während des Läutens habe sich plötzlich der Ton verändert, es habe „bäng“ gemacht, dann habe die Glocke plötzlich „blechern gescheppert“, berichtet Kirchenvorstandsvorsitzender Christoph Kleinert, der an diesem Tag als Küster im Einsatz war.Glocke3HP
 
Der Glockensachverständige der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Thomas Wilhelm, und der Architekt wurden hinzugezogen, ebenso die Firma Höckel-Schneider mit Sitz in Flörsheim am Main, die auf Turmuhren und Glocken spezialisiert ist.

Ein betriebsamer Vormittag
Um sechs Uhr in der Früh ging es am Dienstag nach Pfingsten los. Erst kam der Gerüstbauer, dann wurde die  Glocke ausgebaut, der Zimmermann baute die Turmtreppe ab, der Dachdecker öffnete das Dach. Um kurz nach 12 Uhr holte der Kran die Glocke herunter.

Jannik Fuchs von der Autokranfirma ADW ist es ein ungewöhnlicher Einsatz, wenn auch ein leichter. „Die Glocke wiegt ja nix.“ Eine Kirchenglocke hat er mit dem Kran bisher noch nicht transportiert. „Glocken gehen ja auch selten kaputt“, sagt er.  

Die Glocke hat einen Riss, der aufwendig repariert werden muss. Hierfür ist es notwendig, sie auf eine bestimmte Temperatur zu erhitzen. Dann wird der Riss geschweißt und die Glocke langsam wieder heruntergekühlt. In der näheren Umgebung gibt es nur zwei Fachbetriebe, die das können – in Bayern und in Holland.

Die Reparatur ist aufwendig - aber es lohnt sich
„Dass Glocken geschweißt werden, ist relativ selten“, sagt Michael Schneider, Geschäftsführer von Höckel-Schneider. Geschweißt würden nur historisch bedeutsame Glocken. Alle anderen werden eingeschmolzen und neu gegossen.

Die Babenhäuser Glocke ist alt und ein Unikat. „Für die Kirchengemeinde ist es Gold wert, noch so einen Schatz zu haben“, sagt Schneider. Im Krieg wurden die Glocken abgeholt und für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen. Den Nationalsozialisten sei es auch darum gegangen, die Kirchen ihrer Stimme zu berauben, berichtet Schneider weiter. Deshalb durften die Kirchengemeinde nur die kleinste Glocke im Geläut behalten. Und solche, die historisch bedeutsam sind, weshalb in Babenhausen auch die zweitälteste Glocke aus dem Jahr 1437 (103 Zentimeter Durchmesser) noch im Original erhalten ist. „Ein Glücksfall“, sagt Schneider. Alles, was nach dem Krieg gegossen worden sei, sei Massenware.

Glocke4HPAuf rund 10.000 bis 15.000 Euro schätzt Kleinert die Kosten, die die Kirchengemeinde selbst stemmen muss. Spenden werden deshalb gerne entgegengenommen.

Eine Bildergalerie zum Glockenabbau gibt es >>>hier.


Text: Silke Rummel/Fotos: Christoph Kleinert, Silke Rummel