Zwei „Zugeraaste“ im Kirchenvorstand

Überraschung in Neunkirchen: Julia Straus (23) aus Reichenbach und Reinhard Heid (54) aus Heppenheim wurden gewählt

KV Neunkirchen HPModautal mit seinen elf Ortsteilen ist wunderschön gelegen und beeindruckt mit viel Natur. Dass es – verkehrstechnisch gesehen – gut zu erreichen ist, lässt sich nicht unbedingt behaupten. Reinhard Heid und Julia Straus schreckt das nicht ab. Im Gegenteil. Sie nehmen einiges an Fahrerei in Kauf, um sich in der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen zu engagieren. Warum? Weil sie dort eine einzigartige und so bisher nicht erlebte Atmosphäre des An- und Aufgenommenseins erleben.

Während der Konfirmandenzeit seines Sohnes André in der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen – eine der beiden Kirchengemeinden Modautals – hat sich Reinhard Heid mal den „Spaß“ gemacht, die gefahrenen Kilometer von Heppenheim nach Neunkirchen und zurück zusammenzuzählen. Das Ergebnis hat ihn selbst überrascht: 2400 Kilometer hat Heid zurückgelegt, um seinen Sohn in den Gottesdienst zu bringen, zu den samstäglichen „Powerkursen“ – diese ersetzen seit 2004 den wöchentlichen Konfirmandenunterricht – in die Konfi-Praktika und zu den übrigen Veranstaltungen des Konfi-Klubs. „Was das Schöne hier in Neunkirchen ist: Man wird schnell angenommen; in dieser Kirchengemeinde herrscht eine besonders herzliche Atmosphäre, du hast letztlich keine Chance, dich nicht wohlzufühlen“, sagt Heid lachend.

Die Taufgottesdienste beeindruckten
Seit 16 Jahren gehört Familie Heid der Kirchengemeinde Neunkirchen an. Damals wohnte sie noch in Lautertal – also näher an Neunkirchen dran. Als die Kinder André und Fabienne noch klein waren, hörten sie in der Lauterner Krabbelgruppe davon, dass oben in Neunkirchen die Atmosphäre besonders und einiges anders sei als in anderen Kirchengemeinden. Die Heids schauten es sich an und waren vor allem von den Taufgottesdiensten beeindruckt: Liebevoll mit Schokoküsschen garnierte Taufelternstühle, ein Geschenk für den am weitesten Gereisten der jeweiligen Taufangehörigen, Kindergottesdienstkinder, die dem Pfarrer assistieren, Konfirmanden die – nachdem sie beim  Taufgespräch dabei waren –  „ihrem“ Taufkind gute Wünsche mit auf den Lebensweg geben und ein Kind, das die Wassertemperatur im Taufbecken prüft. Lebendigere Gottesdienste hat die Familie selten erlebt. Die Familie ließ sich umgemeinden. Daran änderte sich auch nichts, als sie ins noch weiter entfernte Heppenheim zog.

Mittlerweile ist Tochter Fabienne Konfirmandin – auch da wird sich einiges an Kilometern ansammeln, zumal Heid bei der Kirchenvorstandswahl Ende April in den Kirchenvorstand gewählt wurde. Und das als Auswärtiger, als „Zugeraaster“. Das sei geradezu sensationell, meint Heid. Einerseits hätte er nie damit gerechnet, als er sich als Kandidat aufstellen ließ, andererseits sei das die Bestätigung dessen, was er in all den Jahren als Gemeindeglied erlebt hat: „Man ist nicht lange fremd.“

Julia Straus, 23, stammt aus Reichenbach. Ihre Mutter ist evangelisch, der Vater katholisch; die Eltern überließen es ihr, welcher Konfession sie angehören wollte. In ihrer Heimatgemeinde erlebte sie einen Konfirmandenunterricht, der sie „irgendwie“ nicht erreichte, und da sie ehrlich mit sich und ihrem Glauben umgehen wollte, ließ sie sich folgerichtig auch nicht konfirmieren. Doch sie blieb am Glauben dran, und hatte das Glück in der Oberstufe auf einen Religionslehrer zu treffen, der bei ihr die Freude und das Interesse an religiösen Fragen intensivieren half. Aber Julia suchte eine geistliche Heimat in einer Kirchengemeinde, in der sie sich gerade mit ihren Fragen- und Antwortversuchen aufgenommen und weitergeführt fühlte.

Der Zufall half: Julias Freund lernte im Lautertaler Fitnessstudio beim Gewichtestemmen den Neunkircher Pfarrer Ottmar Arnd kennen – und gab Julia schließlich den Tipp, sich mal die Kirchengemeinde Neunkirchen anzuschauen. Julia erging es wie Reinhard Heid: Sie erlebte dieses besondere Flair. „Da ist einmal unsere wunderschöne Kirche. Du betrittst diesen spirituellen Raum und ein starkes Heimatgefühl macht sich in dir bemerkbar. Und dann dieses herrliche Areal um die Kirche herum. Und all die Menschen, die sich in der Kirchengemeinde engagieren, die es einem ganz leicht machen, sich schnell heimisch zu fühlen. Und natürlich ist auch Pfarrer Arnd eine  besondere Spezies“, meint sie augenzwinkernd.

„Zugepfarrte“ im Kirchenvorstand? Das hat der Pfarrer noch nicht erlebt
Nach den ersten Kontakten ging alles ganz schnell: Julia ließ sich vor drei Jahren in Neunkirchen taufen und engagierte sich sofort in der Konfirmandenarbeit. Kaum einen der  Powerkurse hat die Maschinenbaustudentin seither versäumt. Auch im Gottesdienst sieht man sie regelmäßig, oft in Begleitung ihrer Mutter. „Ich dachte erst, Pfarrer Arnd macht einen Witz, als er mich fragte, ob ich für den Kirchenvorstand kandidieren wolle“, meint Julia. Auch sie räumte sich eigentlich keine Chance ein, gewählt zu werden. Und doch kam es so.

Seit 32 Jahren ist Ottmar Arnd in Neunkirchen Pfarrer. Dass „Zugepfarrte“ in den KV gewählt werden, hat er noch nicht erlebt. „Für uns alle war das überraschend, zeigt aber die Mentalität dieser besonderen Kirchengemeinde, die offen ist für Menschen, die zwar fremd sind, aber die Gemeinde mit ihrer Arbeit und Gedankenanstößen bereichern.“  Was Arnd außerdem  stolz macht: Mehr als die Hälfte aller Gewählten ist unter 45 Jahre alt – darunter eine 19-Jährige und drei knapp über 20-Jährige –, der Neunkircher Kirchenvorstand ist der mit den meisten jungen Mitgliedern im Dekanat Vorderer Odenwald. „So kann’s weitergehen“, freut sich Arnd. Er führt das Ergebnis auf die Konfirmandenarbeit zurück.

Reinhard Heid und Julia Straus sind gespannt, was sie nun erwartet. „Es ist gut, dass sie ins Entscheidungsgremium gekommen sind, bei all dem, was die beiden hier leisten“, sagt der Pfarrer.

Bild: Zwei Auswärtige im Kirchenvorstand: Reinhard Heid aus Heppenheim, Pfarrer Ottmar Arnd und die Reichenbacherin Julia Straus.