"Frieden lässt sich von Gott nicht trennen"

Pfarrer Joachim Meyer, Dekan des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald, fomuliert seine Gedanken im Advent
Krippe2HPNotunterkunft, Erstaufnahmelager – wie würde man heute den Stall von Bethlehem nennen?
Und was wäre geschehen, wenn es damals keinen Wirt gegeben hätte, der dem jungen Paar, das ein Kind erwartete, wenigstens eine bescheidene Gastfreundschaft gewährte auf dem Weg zur Registrierung?
Manchmal denke ich, dass es die vielen Weihnachtskrippen sind, die sich den Menschen in unserem Land im Laufe ihres Lebens tief ins Bewusstsein eingegraben haben und jetzt in diesen Tagen so viele bereit machen, Flüchtlingen Hilfe zu gewähren. Über all die Ambivalenzen von Überlastung und Angst vor dem Fremden und Grenzen der eigenen Möglichkeiten hinweg. Da ist schon eine gewaltige innere Kraft der Liebe und der Zuwendung am Werk…
Vor kurzem besuchte ich am Rande einer Tagung in Erfurt die frisch renovierte Predigerkirche, in der Ende des 13. Jahrhunderts Meister Eckart wirkte. Von ihm war dort auf einer Tafel der Ausspruch zu lesen: „Denn so viel bist du in Gott, so viel du in Frieden bist, und so viel außer Gott, wie du außer Frieden bist. Ist etwas nur in Gott, so hat es Frieden. So viel in Gott, so viel in Frieden..“ Ja, so ist das, dachte ich bei mir: Frieden – innerer und äußerer – lässt sich von Gott nicht trennen. Und Frieden ist – wie in vielen Jahren zuvor – wieder einmal das Thema der Zeit. Im Zusammenhang mit Gerechtigkeit und mit der Bewahrung der Schöpfung kurz vor dem Klimagipfel in Paris. Denn nicht allein der Krieg treibt tausende und abertausende Menschen aus ihrer angestammten Heimat in die Fremde mit der Sehnsucht im Herzen nach einem lebenswerten Leben. Und wenn es ihnen selbst nicht vergönnt ist, dann hoffentlich eine Generation weiter ihren Kindern. In der alten Weihnachtsgeschichte sind diese Zusammenhänge schon angedeutet: die Einordnung der kleinen, lokalen singulären Geburt in die großen weltgeschichtlichen Zusammenhänge. Und die Tatsache, dass dieses einzelne Ereignis eine solche Wirkungsgeschichte hat und Menschen bewegt – bis eben in unsre Tage hinein.

Dieses Geheimnis wach zu halten und immer wieder auszusprechen in fantasievoller und mutiger und selbstbewusster und leidenschaftlicher Weise ist die Aufgabe der Kirche in unseren Tagen. In einer offenen Gesellschaft, die sich rasend schnell verändert, sind die Übersetzung des Evangeliums und der Brückenbau des Glaubens unsere Herausforderungen. Darum tut es gut, wenn wir uns darin gegenseitig ermutigen und unterstützen.

Alles Leben ist Begegnung
Dem dienten in den vergangenen Wochen die Begrüßungsabende der neu gewählten Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher in den fünf Nachbarschaftsbereichen unseres Dekanates. Vom DSV, hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und örtlichen Musikgruppen vorbereitet kamen weit über 200 Entscheidungsträger aus den 40 Kirchengemeinden zusammen, um einander über die Gemeindegrenzen hinweg zu begegnen und die regionalen Unterstützungsangebote für ihre lokale Arbeit kennenzulernen, so wie die Menschen, die sie anrufen können. „Alles Leben ist Begegnung“ brachte Michael Vollmer dabei immer wieder Martin Buber ins Gespräch. Denn Begegnung, Vernetzung und Austausch führen zur Erweiterung der persönlichen und gemeindlichen Möglichkeiten, schaffen Vertrauen und machen auch noch Spaß. Vernetzung war auch das Anliegen eines Treffens von Bürgermeistern und Pfarrerinnen und Pfarrern im Landkreis Darmstadt-Dieburg Mitte November. Natürlich ging es um die gegenseitige Unterstützung bei der Integration der ankommenden Flüchtlinge. Aber es diente auch der gegenseitigen Ermutigung im Horizont des Terrors: Wie kann in unserer Region gemeinsam so etwas wie eine „zivilgesellschaftliche Notfallkette“ aufgebaut werden, damit wir ggf. schnell und passgenau und solidarisch auf ein Schadensereignis in unserer Region reagieren können.

Jede unserer Dekanatssynoden dient der Vernetzung und dem Austausch. In ablaufenden Jahr ging es dabei schwerpunktmäßig um die lebendige Gestaltung unserer Gottesdienste, unterstützt von Prof. Claaß vom Theologischen Seminar Herborn und um die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in unseren Gemeinden, vorbereitet von Gemeindepädagoginnen und Jugendlichen unseres Dekanates. Sowohl die Bestandsaufnahme wie auch das Aufzeigen von Entwicklungsimpulsen und das Nennen von Sehnsüchten und Visionen waren dabei wichtig. Angebote zur Entwicklung des Kindergottesdienstes und zur Gestaltung von Jugendgottesdienste sind ein Ergebnis der Sommersynode. Die Herbstsynode schließlich beschloss zwei wesentliche Weichenstellungen für unsere Dekanatsarbeit in den nächsten Jahren: Unser neues Zweijahresthema soll lauten  „Reformationsjubiläum 2017 – Gott allein“. Und für den 31.10.2017 wollen wir mit den Gemeinden an vielen Stellen im Dekanat ein Public Viewing der Festereignisse organisieren. Die Vorbereitungen haben begonnen.

Krankheit, Tod und Trauer haben in den vergangenen Monaten offenbart, wie verletzlich wir sind. Stellvertretend möchte ich den unerwarteten und plötzlichen Tod unseres lieben Pfarrerkollegen Gerhard Siegert aus Reinheim benennen, der gerade erst am Erntedankfest wenige Wochen zuvor seinen Ruhestand begonnen hatte. Ich danke allen, die im vergangenen Jahr mitgetragen und geholfen haben, manchmal bis an den Rand ihrer eigenen Kräfte. Ich danke allen, die in Zeiten der Depression und Verzagtheit an der Seite stehen und begleiten, Gespräche führen und ermutigen. Ich danke für alle Seelsorge in den Gemeinden und über die Gemeindegrenzen hinaus – etwa durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Krankenhaus- und Notfallseelsorge. Und ich danke auch den Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern im Dekanat, die durch ihr Musizieren Evangelium zum Erklingen bringen und Menschen aufbauen in dunklen Tagen. Sie alle praktizieren, wozu die Jahreslosung des ausgehenden Jahres ermutigt hat: „Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“. Und wie schön klingt es, wenn dieses Lob aus vielen Kehlen kräftig gesungen wird.

Auch der Spruch für das neue Jahr möchte vergewissern, ermutigen und stärken. Er rührt an ganz tiefe Empfindungen in uns und spricht die weibliche Seite Gottes an: „Ich will euch trösten, wie einen eine Mutter tröstet.“ Jesaja 66,13. Wohl den Menschen, die sich im Trösten Gott zur Verfügung stellen – wohl den Menschen, die im Trost Gott erfahren.

Gemeinsam mit dem Dekanatssynodalvorstand, gemeinsam mit Dr. Michael Vollmer grüße ich Euch und wünsche Euch Gottes Segen für das neue Kirchenjahr 2015/ 2016. Ich  freue mich  auf die Begegnungen mit Euch,

Euer Joachim Meyer

Foto: Michael Merbitz-Zahradnik, Groß-Zimmern