Sonnenstrahlen für die Seele

Walter Faure aus Groß-Bieberau ist 94 Jahre und wird von einem Musiker betreut – Neues Angebot der Diakoniestationen Groß-Umstadt/Otzberg und Groß-Bieberau
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Es ist ein Pilotprojekt in der Region: Seit Sommer bieten die Diakoniestationen Groß-Umstadt/Otzberg und Groß-Bieberau Einzelbetreuung, auch für Menschen mit schwindender Alltagskompetenz, mit einem Berufsmusiker an. Die bisherigen Erfahrungen sind positiv.

Walter Faure hat für diesen Nachmittag alles vorbereitet. Tagelang. Er hat eine Rede auf der Schreibmaschine getippt, die er seinen Gästen im Briefumschlag mit nach Hause gibt, und ein Programm zusammengestellt – einen musikalischen Streifzug durch sein Leben. Jetzt sitzt der 94-Jährige auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer in Groß-Bieberau. „Liebe Anwesende“, sagt Walter Faure, „kurz vor dem Vortrag meiner Geschichten konnte ich ja noch ein paar Worte dichten, denn ich bin einer von den wenigen Alten, die nicht mehr können alles behalten. Darum werde ich die Worte von mir kurzerhand ablesen von diesem Papier.“ Dann schaltet er eine CD ein und spielt auf seinem Keyboard zu den singenden Saxofonen von Captain Cook.

Der Berufsmusiker Jürgen Singer besucht Walter Faure seit Sommer regelmäßig alle zwei Wochen, um mit ihm zu musizieren. Es handelt sich um ein neues Angebot der Diakoniestationen Groß-Umstadt/Otzberg und Groß-Bieberau: Über die Musik sollen Menschen  emotional erreicht werden – insbesondere solche, die schon immer ein Faible für Musik hatten. Wie bei  Walter Faure. Seit seiner Kindheit hat er drei Instrumente besessen – eine Mundharmonika, ein Akkordeon und ein Keyboard. Als Kind ist er in verschiedenen Städten aufgewachsen. Geld, um Klavierspielen zu lernen, gab es nicht. Das Akkordeon kaufte sich Walter Faure in der Zeit als Gärtnerlehrling und brachte es sich selbst bei. „Nach dem Krieg spielte ich bereits öffentlich mit drei Kameraden in der Post in Pfaffenbeerfurth zum Tanz auf“, liest er von seinem Zettel. Es folgten Auftritte in mehreren Orten um Kirchbeerfurth, wo er als Knecht arbeitete, und bei der Dieburger Fastnacht. Später wurde er Polizist. Vor sechs Jahren ist seine Frau gestorben. Er lebt zu Hause, wird von seinem Sohn und einer Hauswirtschafterin versorgt.

1981 bekam Walter Faure starke Schmerzen im Arm und konnte kein Akkordeon mehr spielen. Er verkaufte das Instrument und kaufte sich ein Keyboard. „Auf dem spielte ich auch ohne Noten“, sagt Faure. „Durch mein ständiges Üben von Liedern ist es mir gelungen, mehrere Kassetten zu füllen.“ Davon spielt er seinen Gästen an diesem Nachmittag einige Lieder vor und seine Augen leuchten. Die Stunden mit Jürgen Singer gefallen ihm. Singer arbeitet seit 35 Jahren als Berufsmusiker und hat ein großes Repertoire. Die beiden verstehen sich gut, duzen sich. „Es ist eine schöne Freundschaft entstanden“, sagt Singer. Im Advent übten sie für die Weihnachtsfeier der Diakoniestation, wo Walter Faure – ebenso wie ein anderer älterer Mann, den Jürgen Singer betreut – einige Lieder vorspielten. „Das Wichtigste ist, dass es Dir Spaß macht“, sagt der Lehrer. Und Faure erwidert: „Das allein darf ja nicht ausreichen, ich muss ja etwas lernen dabei.“

Es geht um die Freude an der Musik
Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Musik Menschen beruhigt, für Wohlbefinden sorgt und die Gehirntätigkeit stimuliert. Das neue Angebot soll die Betreuung, auch an Demenz erkrankter Menschen,  ergänzen und deren Lebensqualität verbessern, indem es sie auf einer ihnen angenehmen Ebene anspricht. Es richtet sich vor allem an Menschen aus Reinheim, Fischbachtal, Groß-Umstadt, Otzberg und Groß-Bieberau, in deren Leben Musik immer eine wichtige Rolle gespielt hat – sei es, weil sie im Chor gesungen oder selbst ein Instrument gespielt haben.

 „Das kann einen Sonnenstrahl in ein Leben geben“, sagt Jörg Rast, Geschäftsführer der beiden Diakoniestationen. Er ermuntert dazu, es einfach mal zu probieren – Schnupperstunden sind möglich. „Wenn jemand guter Dinge ist, entlastet das ja auch die Angehörigen“, sagt Rast. Augen, Ohren, Geschmack, Geruch, alles lasse nach. „Aber die Tonfolge von einem Lied, die mit Gefühlen verbunden ist, bleibt.“ Mit Musiktherapie hat die Einzelbetreuung mit Musik nichts zu tun. Es geht nicht darum, Defizite auszugleichen oder neue Fertigkeiten zu erwerben, sondern darum, die Freude an der Musik und gemeinsame Erlebnisse zu teilen.

Walter Faure sei zugänglicher geworden, nicht mehr so reserviert wie am Anfang, berichtet Jürgen Singer. Er habe Spaß und freue sich. „Wir kommen sehr gut miteinander klar.“

Kontakt: Für Reinheim, Groß-Bieberau und Fischbachtal ist die Diakoniestation Groß-Bieberau unter 06162-84203 erreichbar. Für Groß-Umstadt und Otzberg  die Diakoniestation Groß-Umstadt/Otzberg unter 06078-2003. Die Einzelbetreuung mit Musik wird zum Start mit 29 Euro pro Stunde berechnet und ist als Betreuungsleistung anerkannt.

Bildtext: Jürgen Singer (hinten) kommt regelmäßig zu Walter Faure, um mit ihm zu musizieren. Seit Sommer bieten die Diakoniestationen Groß-Umstadt/Otzberg und Groß-Bieberau Einzelbetreuung, auch für Menschen mit schwindender Alltagskompetenz, mit einem Berufsmusiker an.

Bild + Text: Silke Rummel