„Am Sonntag steht der Mensch im Mittelpunkt“

1. Mai = Sonntag: Kirchenmann Dr. Michael Vollmer und Gewerkschaftsmann Horst Gobrecht ziehen beim Schutz für den Sonntag an einem Strang
Sonntag DieburgGottesdienst trifft Protestkundgebung: In diesem Jahr wird der „Tag der Arbeit“ an einem Sonntag begangen. Ein gutes Jahr für den Sonntagsschutz? Ein Gespräch mit  Horst Gobrecht (57), Gewerkschaftssekretär bei Verdi, und Dr. Michael Vollmer (58), Arbeitsmediziner und Präses des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald – beide Mitglied in der Starkenburger Allianz für den freien Sonntag.  

In diesem Jahr fällt der 1. Mai ausgerechnet auf einen Sonntag. Was bedeutet das für Sie als Sonntagsschützer?

Dr. Michael Vollmer: Das ist ein starkes Zeichen! Seit biblischen Zeiten gibt es den „Tag des Herrn“, seit dem Jahre 321 den arbeitsfreien Sonntag als staatlichen Ruhetag und seit 1890 den 1. Mai als „Tag der Arbeit“. Sonntag, der 1. Mai 2016 ist ein besonderer Feiertag und ein freier Tag für alle Menschen, für die ganze Gesellschaft. Er verbindet uns über persönliche und politische, geschichtliche und religiöse Grenzen hinweg. Für mich als Sonntagsschützer bedeutet dies: Der Sonntag ist und bleibt der Tag, an dem nicht gearbeitet wird, an dem der Mensch im Mittelpunkt steht und die Werte ins rechte Licht gerückt werden.

Horst Gobrecht: Nun ja, erst einmal haben wir im Rahmen der „Allianz“ darauf geachtet, dass er auch dort arbeitsfrei bleibt, wo er wie in Neu-Anspach im Hochtaunuskreis zu einem verkaufsoffenen Sonntag missbraucht werden sollte. Ansonsten ist der sonntägliche 1. Mai für mich der ganz „normale“ Feiertag der abhängig Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften, die an diesem Tag wie seit mehr als hundert Jahren weltweit und nicht selten immer noch unter drohender Gefahr und Gewalt für ihre sozialpolitischen Forderungen und Ziele auf die Straße gehen.gesonntheit1HP

Wird der Sonntagsschutz bei den Kundgebungen eine besondere Rolle spielen?

Gobrecht: Das wollen wir hoffen, und die politischen Vorbereitungen sehen so aus, als ob er auf mehr Kundgebungen als bisher zum Thema gemacht wird. In Darmstadt wird beispielsweise eine aktive Vertreterin der „Allianz“, die Dekanin des Evangelischen Dekanats Darmstadt-Stadt, Ulrike Schmidt-Hesse, als Rednerin den Sonntagsschutz ansprechen. Die öffentliche Aufmerksamkeit dazu hat nach den positiven Gerichtsentscheidungen der letzten Zeit wieder „Fahrt“ aufgenommen und sogar zu einer Debatte im Hessischen Landtag geführt. Die Kontroverse und Meinungsbildung zum Sonntagsschutz ist also im vollen Gange – und darum geht’s letztlich.

Und bei Ihnen, Herr Vollmer, wird der 1. Mai als Tag der Arbeit in Ihrem Tun eine besondere Rolle spielen?

Vollmer: Der 1. Mai lebt auch als Feiertag davon, dass öffentlich über gute Arbeit und fundierte Bildung, mehr Solidarität und den freien Sonntag gesprochen und dafür demonstriert wird. Mit meiner Teilnahme an der Mai-Kundgebung in Darmstadt möchte ich dies unterstützen.

Eine Sonntagsmeditation von Dekan Joachim Meyer finden Sie >>>hier.

Länder wie Belgien, Spanien oder Großbritannien holen den 1. Mai am darauffolgenden Werktag nach, wenn er auf einen Sonntag fällt. In Deutschland gibt es nun auch entsprechende Forderungen. Was halten Sie davon?

Vollmer: Davon halte ich nichts. Wichtiger als einen weiteren arbeitsfreien Tag finde ich, dass der 1. Mai uns als „Tag der Arbeit“ im Bewusstsein bleibt, an dem wirklich gefeiert und demonstriert wird – für Arbeit, die den Menschen zu dienen hat. Das geht am Sonntag mindestens so überzeugend wie an anderen Wochentagen.

Gobrecht: Da bin ich auch eher „Traditionalist“. Manche Feier- und Gedenktage sollten nicht wie ein „Event“ verschoben, sondern am Tag selbst würdig begangen werden. Der 1. Mai ist so ein Feiertag, der die abhängig Beschäftigten ideell miteinander verbindet. Daraus wird nicht nur optisch, sondern auch politisch ein Zeichen internationaler Solidarität, die selbstverständlich nicht auf diesen einen Tag im Jahr reduziert sein sollte, aber gerade am 1. Mai offen und öffentlich ausgedrückt wird.

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung hat sich in seiner Predigt am 1. Mai für einen konsequenteren Schutz des Sonntags als Ruhetag ausgesprochen. Die Predigt im Wortlaut lesen Sie >>>hier.
 
Suhl und Erfurt nutzen den 1. Mai als verkaufsoffenen Sonntag. Ein Affront?

Gobrecht: Ja. Vielleicht ist dies nämlich nicht nur ein Zeichen von grassierender Geschichtslosigkeit, sondern eine bewusste neoliberale Offensive oder Provokation gegen die gewerkschaftliche und sozialpolitische Tradition des 1. Mai.

Vollmer: „Wenn deine Seele keinen Sonntag hat, dann verdorrt sie“, hat Albert Schweitzer einmal gesagt. Das gilt auch für die Freude am Einkaufen – ohne freien Sonntag verfliegt sie. Pausenlose Geschäfte tun keinem Menschen gut, am wenigsten denjenigen, die an Sonntagen arbeiten müssen. Insofern empfinde ich den verkaufsoffenen Sonntag am 1. Mai auch als Affront, vor allem aber als Rücksichtslosigkeit.
 
Protest Sonntagsschutz Vorderer Odenwald sm InternetWie verbringen Sie den kommenden Sonntag?

Gobrecht: Mit ein wenig Arbeit für den Sonntag: Erst als Redner der Maifeier in Mörfelden-Walldorf, anschließend am Stand der „Allianz“ auf dem Kundgebungsplatz in Darmstadt. Danach schaue ich noch beim Spargelbauern Lipp vorbei, ob der von seinem Fest „eigenständig ausgelöste Besucherstrom“ tatsächlich so viele Menschen umfasst, dass dieses als Anlass für die Ausnahmegenehmigung der Stadtverwaltung Weiterstadt zu einem verkaufsoffenen Sonntag am 8. Mai ausreichen könnte.

Vollmer: Um 10 Uhr gehe ich in den Konfirmationsgottesdienst in unserer Gemeinde und fahre dann zur DGB-Kundgebung nach Darmstadt. Nachmittags treffen wir uns mit Kindern und Enkeln – hoffentlich unter sonnigem Frühlingshimmel, den ich auch den Maikundgebungen wünsche.


Bildtexte:
oben: Sonntag - ein Geschenk des Himmels. Eine Aktion im Jahr 2011.
Mitte: Einig gegen die Sonntagsarbeit: Dr. Michael Vollmer, Ingrid Reidt, Betriebsseelsorgerin im Bistum Mainz und Verdi-Gewerkschaftssekretär Horst Gobrecht bei einer Veranstaltung im Offenen Haus in Darmstadt im Januar 2015.
Unten: Findige Sonntagsschützer: Ein illustrer Protestzug zog im Jahr 2011 durch Dieburgs Straßen.

Fragen: Silke Rummel; Fotos: Reinhard Völker, Bernhard Bergmann,