Luthers Glaubenssätze in Glas

Festgottesdienst für das Raibacher Reformationstriptychon am Sonntag, 30. Oktober, mit Pröpstin Karin Held
TriptychonHPDas wunderbare Zusammenspiel von Licht und Glas wirkt einmal mehr in einem Projekt der evangelischen Kirchengemeinde Raibach, das in der Region wohl einzigartig sein dürfte. Ein „Reformations-Triptychon“ haben sich Pfarrerin Michaela Meingast und die Glaskünstlerin Heike Jäger einfallen lassen, ein eingespieltes und bewährtes Team in Sachen biblischer Auseinandersetzung, künstlerischer Arbeit und handwerklichem Können.   

Als „klein und finanzschwach, aber oho“ beschreibt Pfarrerin Meingast ihre winzige Landgemeinde mit 399 Mitgliedern im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald. Mehrfach haben hier schon Gemeindemitglieder gemeinsam mit der Raibacher Glaskünstlerin ihre Glaubenssätze in Glas gestaltet. Jeder Konfirmandenjahrgang entwirft und arbeitet seine persönlichen Kreuze als Andenken selbst. Nicht zuletzt der prämierte „Passionsgarten“ oder auch die Glas-Stelen, die einst zur Finanzierung der Kirchenrenovierung verkauft wurden, zeugen von der immer wieder erfolgreichen Kooperation und sorgten stets auch außerhalb des Groß-Umstädter Stadtteils für Aufsehen.

Die Auseinandersetzung mit Kreuz und Auferstehung war es wohl, die letztlich die Idee gebar, zum Reformationsjubiläum ein Triptychon zu erarbeiten, das sich mit den vier Soli Luthers (lat. solus: allein) beschäftigt. Sola fide, sola gratia, sola scriptura und solus Christus stehen für „allein der Glaube, allein die Gnade Gottes, alleine die Heilige Schrift und allein Christus lassen uns leben“.

Die neun Teile sind alle gleich groß
Auf jedem der neun gleich großen Teile (eine Glasscheibe misst 47 mal 57 Zentimeter) steht ein Bibelspruch, eine Geschichte, ein Vers oder Psalm. Zum Beispiel aus den Römern Kapitel 1, Vers 16: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“, steht da in klaren und kraftvollen Buchstaben, laut Michaela Meingast eine, wenn nicht die reformatorische Grunderkenntnis. Und genau darum geht es bei diesem neuesten Projekt in Hinblick auf das 2017 bevorstehende Reformationsjubiläum: sichtbar und begreifbar machen, was da vor 500 Jahren eigentlich geschehen ist. „Es geht um die Worte, die Botschaft, auch die Leistung, die Luther vollbracht hat.“ Man wolle hier einen Beitrag zum Jubiläum leisten. „Besonders im Hinblick auf unsere heutige Situation und unseren Glaubensalltag und nicht immer nur die historischen Tatsachen und Verdienste würdigen“, sagt Michaela Meingast. Reformation sei nämlich nicht nur ein Ereignis der Vergangenheit, das die Welt veränderte, sondern „sie betrifft uns auch heute immer noch“.

Jedes Seitenteil des dreiteiligen Raibacher Triptychons ist in drei Fenster unterteilt. Alle Teile zusammengeklappt zeigen das Kreuz Christi. Das Triptychon ist transportabel und soll durch die Kirchengemeinden wandern. Das Reformationsfest spielt dabei eine zentrale Rolle. Die drei Teile des Triptychons sind voneinander lösbar. So kann auch nur eine einzelne Seite für einen Gottesdienst oder Andacht genutzt werden. Die Glasscheiben können herausgenommen werden und sind austauschbar.  Das Kunstwerk wird in einem Gestell aus Holz stehen.

Erwachsene und Kinder verstehen die Bilder
Die Bilder sprechen für sich, bei der Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) etwa. Vater und Sohn in der Mitte des gläsernen Kunstwerkes liefern die Erklärung für Gnade, Liebhalten, Vergebung. Das ist für Erwachsene wie Kinder gleichermaßen zu verstehen, ohne Worte, ohne Erläuterungen. „Wir haben den Entwurf so gemacht, dass jeder damit etwas anfangen kann“, erklärt Heike Jäger.

Durchdacht ist auch die Farbwahl: warm schimmerndes Topas, goldfarben, steht für die Verbindung zwischen Gott und Mensch, Blau für die Treue. Grün versinnbildlicht die Hoffnung und das starke Weiß, in dem das alles dominierende Kreuz strahlt, ist die Christusfarbe, so Pfarrerin Meingast. Beim Zusammenklappen aller Teile erscheint dieses markante Kreuz und stellt Solus Christus dar. Weil sie zu einem Motiv jeweils zwei Scheiben gearbeitet hat, in die sich die Luft einschließt, erläutert Heike Jäger, bekannt für ihre Fusing-Technik, werden ganz besondere, weit in die Tiefe gehende Lichteffekte erzielt. „Für diese Wirkung hat sich die doppelte Arbeit gelohnt.“ Dorothee Dorschel 

INFO
Bei einem musikalischen Festgottesdienst mit Pröpstin Karin Held am Sonntag, 30. Oktober, 10.30 Uhr, soll das Triptychon in Raibach der Öffentlichkeit präsentiert werden. Wenn es durch die mit Raibach verbundenen Gemeinden gewandert ist, könnte es anschließend auch auf Reisen durch die 40 Gemeinden im Dekanat Vorderer Odenwald gehen. Annette Claar-Kreh, die Referentin für gesellschaftliche Verantwortung und beim Dekanat zuständig für Fundraising, würde das sehr begrüßen. Hat sie sich doch auch maßgeblich für die Finanzierung des Ganzen eingesetzt. An dem 10.000 Euro teuren Triptychon haben sich neben dem Dekanat auch Sparkassenstiftung, Kirchengemeinde Raibach, der Reformationsdekade-Fonds, die EKHN-Stiftung und der Verein „Andere Zeiten“ beteiligt.          

Bildtext: Links vorn die Glaskünstlerin Heike Jäger, oben links Annette Claar-Kreh, Referentin für gesellschaftliche Verantwortung und Fundraising beim Dekanat Vorderer Odenwald, und die Raibacher Pfarrerin Michaela Meingast zeigen drei Glasfenster des neunteiligen Triptychons. Foto: Dorothee Dorschel