Verdienstorden für eine Unermüdliche

Annemarie Knichel aus Reichelsheim erhält besondere Auszeichnung/Engagement in der Flüchtlingshilfe
annemarie knichelHPReichelsheim. Dass sie schon ein bisschen stolz ist über diese besondere Auszeichnung, will sie nicht verhehlen. Aber Annemarie Knichel, die dieser Tage anlässlich des Tages des Ehrenamtes den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland von Bundespräsident Joachim Gauck persönlich in Berlin bekommen hat, betont immer wieder, dass all die ehrenamtliche Arbeit, die sie leistet, ohne andere gar nicht zu denken sei. Und das sagt sie nicht nur, das meint sie auch so.

Vor allem ist da ihre Familie zu nennen. Nun gut, die beiden Söhne sind längst erwachsen und außer Haus, aber sie engagiert sich ja auch schon seit Jahrzehnten. Und Ehemann Wolfgang, der seit einigen Jahren im Ruhestand ist, muss nicht nur oft seine Frau daheim entbehren, sondern packt auch regelmäßig mit an, wenn sie etwa in Sachen des Runden Tisches für internationale Verständigung unterwegs ist – sich für Flüchtlinge und deren Belange einsetzt, in Rechtsfragen etwa oder praktischen Angelegenheiten des alltäglichen Lebens. Der Runde Tisch, der Anfang der Neunzigerjahre ins Leben gerufen wurde, gehört zur evangelischen Michaelsgemeinde in Reichelsheim. Die Gruppe arbeitet, ganz im Sinne auch ihres Anliegens, ökumenisch – Annemarie Knichel selbst ist Katholikin. Denn, das liegt auf der Hand: Hier geht es um Menschlichkeit, und dieses Ziel verbindet in besonderem Maße über alle denkbaren allzumenschlichen Grenzen hinweg.

Von Anfang an beim Runden Tisch dabei
Beim Runden Tisch hat sie viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter, und es kommen immer wieder neue dazu, was die rührige Ehrenamtliche freut. Seit der Gründung vor rund 25 Jahren – in einer Zeit von Anschlägen gegen Flüchtlinge, etwa in Mölln und Hoyerswerda – ist Annemarie Knichel mit dabei und mittlerweile schon lange für Organisation und Leitung zuständig. Gemeindepfarrer waren damals der spätere Vorstandsvorsitzende der hessen-nassauischen Diakonie, Dr. Wolfgang Gern, und Joachim Meyer, der heutige Dekan des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald. Derzeit ist Knichel darüber hinaus beschäftigt mit Vorträgen für angehende Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit.

Neben dem Engagement für den Runden Tisch ist Annemarie Knichel auch aktiv in der Partnerschaftsarbeit zwischen Reichelsheim und der polnischen Gemeinde Jablonka. Manchmal gelingt es, mehrere Tätigkeiten und Themen – man könnte auch sagen: Herzensanliegen – miteinander zu verbinden, so etwa bei einem Jugendcamp diesen Sommer, wo junge Menschen aus Jablonka, Reichelsheim und der weiteren Partnergemeinde Nagymanyok in Ungarn zusammenkamen und sich in einer nahegelegenen Einrichtung für junge Flüchtlinge intensiv mit der Thematik Flucht und Zuflucht auseinandersetzten.

Nicht zu vergessen: Auch in ihrer katholischen Ortsgemeinde bringt sie sich ein, war lange Jahre Mitglied im Pfarrgemeinderat und ist nach wie vor im Besuchsdienst aktiv.

Kaum zu glauben, dass sie neben all ihrem ehrenamtlichen Engagement bislang immer noch in Vollzeit berufstätig ist; als Krankenschwester arbeitet Annemarie Knichel in der Psychiatrie, dies nun aber nicht mehr lange, Ende Januar wird sie mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen.

Mechthild Bangert, Joachim Meyer und Gerd Lode gaben den Anstoß
Angestoßen worden war die Idee mit der Auszeichnung bereits vor längerer Zeit von Mechthild Bangert, Pfarrerin der evangelischen Michaelsgemeinde, Dekan Joachim Meyer sowie dem früheren Reichelsheimer Bürgermeister Gerd Lode und seinem Amtsnachfolger Stefan Lopinsky. Um den Antrag zu untermauern, musste eine Liste mit den Tätigkeiten und Verdiensten der Nominierten zusammengestellt werden. Dies hat, in aller Heimlichkeit, ihr Ehemann getan. Oberster Grundsatz war: Geheimhaltung, denn es sollte eine Überraschung werden. Diese ist gelungen: Erst wenige Wochen vor der Verleihung in Berlin hat Annemarie Knichel davon erfahren.

Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland – sie erhielt ihn als einzige Hessin unter 24 Geehrten – ist nicht die erste Auszeichnung, die sie bekommt: 2007 gab es bereits eine Ehrung des Landes Hessen, auch von polnischer Seite wurde sie schon gewürdigt; darüber hinaus wurde ihr das Silberne Kronenkreuz der Diakonie verliehen. – In ihrer bescheidenen Art sagte sie nun vor der Fahrt in die Bundeshauptstadt: „Es hat mich gefreut, und es ist schön, auf diese Weise mal wieder nach Berlin zu kommen – und dabei Bundespräsident Gauck kennenzulernen.“ Auf dem vom Bundespräsidialamt vorgesehen Programm stand neben der eigentlichen Verleihung, zu der außer dem Ehemann die beiden Söhne und die Schwiegertochter mitkamen, eine Führung durchs Schloss Bellevue. Bernhard Bergmann


Zum Foto: Die Bilder im Hintergrund hat Annemarie Knichel selbst gemalt. Zu solcher Kreativität sei sie leider lange nicht mehr gekommen, sagt sie – was angesichts ihrer vielen Aktivitäten nicht wundernimmt. Foto: Bernhard Bergmann