Umkehr nach Fukushima

Elfte Klasse der Landrat-Gruber-Schule tauscht sich im Zentrum Oekumene über die Reaktorkatastrophe aus
Japan2Von Hubertus Naumann

März 2017, sechs Jahre nach dem katastrophalen Atomreaktorunfall im japanischen Fukushima und 500 Jahre nach der Reformation. Eine elfte Klasse der Landrat-Gruber-Schule in Dieburg geht mit wissenschaftlichen Referenten und einer Journalistin aus Japan der Frage nach: Was bedeutet Glaube und Verantwortung in schwierigen Zeiten?

Fukushima ist rund 12 700 Kilometer vom Zentrum Oekumene in Frankfurt entfernt. Unsere elfte Klasse trifft sich dort mit Referenten aus Wissenschaft und Medien, um sich über einen Vorfall auszutauschen, den viele nur aus dem Fernsehen kennen, der aber großen Einfluss auf uns hier in Deutschland hatte: die Reaktorkatastrophe in Fukushima. Im Rahmen der Projektwoche „500 Jahre Reformation – Gespräche über Glauben und Verantwortung“ beschäftigen wir uns mit dem Bild der Umkehr. Umkehr, das bedeutete für Martin Luther Buße tun, das Hinterfragen von Entscheidungen. Das soll das Thema des Workshops in Frankfurt sein, den der Referent für den Dialog mit asiatischen Religionen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. habil. Martin Repp, organisiert.

Anti-Atomkraft-Bewegung ohne Lobby
Der Japanologe Andreas Singler macht den Auftakt. Er hat ein Buch geschrieben über die Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan und widerlegt in seinem Vortrag die These, dass sich die Japaner nie wirklich gegen die vielen Atomkraftwerke in ihrem Land gewehrt hätten. Bereits Anfang der Achtziger gab es laut Singler Demonstrationen gegen Atomkraft. Bis heute stellen sich Privatpersonen, Tierschutzorganisationen, buddhistische Mönche und sogar politische Parteien hinter diese Bewegung. Ohne Erfolg. Die Atomlobby in Japan sei so stark, dass nach und nach die abgeschalteten Meiler wieder ans Netz gingen – trotz alternativer Energiequellen wie Solar- oder Windkraft, trotz des ungünstigen Standorts mitten in einem der erdbebengefährdetsten Gebiete der Welt. Dass es eine Gegenbewegung gibt, werde einfach totgeschwiegen, sagt Singler. Japan1

Journalisten müssen schweigen
Mako Oshidori ist japanische Journalistin und war 2011 dabei, als die Vertreter des Reaktor-Betreibers TEPCO vor die Presse traten. Damals waren rund hundert Medienvertreter anwesend, heute nehmen an den Pressekonferenzen nur noch eine Handvoll teil, erzählt Oshidori unseren Schülern. Es sei seitens der Redaktionen einfach nicht erwünscht, über die Themen Fukushima und Atomkraft zu berichten. Regelrecht psychischer Druck werde auf die Redakteure ausgeübt. Der lange Arm der Lobby rage tief hinein in die japanische Medienlandschaft. Zuverlässige Werte über die tatsächliche Strahlenbelastung rund um Fukushima und an anderen Orten Japans gebe es auch nicht, sagt die Journalistin.

Ihr Ehemann Ken Oshidori verarbeitet die Situation in seinem Heimatland in seiner Kunst: Aus Drähten formt er Skulpturen, die das Atomkraftzeichen in sich tragen. Ein Symbol dafür, dass nach Fukushima die Strahlen alles durchdrungen haben – den Boden, auf dem das Essen wächst, die Tiere, die darauf grasen, und die Kinder, die darauf spielen. Die Schüler versuchen sich selbst an den Drahtskulpturen und basteln eigene.

„Widerstand lohnt sich!“
Diese Schilderungen und die Beschäftigung mit der Atom-Kunst beeindrucken die Schüler schwer. Eine lebhafte Diskussion entbrennt darüber, was Demokratie bedeutet und wie wichtig eine unabhängige Medienlandschaft ist. Ein tieferes Bewusstsein darüber ist entstanden, und das wollen wir während der Projektwoche in der Schule noch erweitern. Denn das Seelsorgezelt der Landrat-Gruber-Schule ist wieder unterwegs: Darunter diskutieren wir über Martin Luther und die Bedeutung seines Erbes für die Gegenwart – für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Japan3Der letzte Referent an diesem Tag ist Franz Scheidel aus Langen, einer der Initiatoren der Anti-AKW-Bewegung in Deutschland. Er ging bereits 1986 nach Tschernobyl auf die Straße und schlägt die Brücke zwischen Deutschland und Japan. Sein Schlussakkord bleibt bei den Schülern hängen: „Widerstand lohnt sich!“ Und darüber reden sei notwendig – damals wie heute. Japan rückt plötzlich ganz nah und die Distanz von 12 700 Kilometern wird ganz klein.  

Über den Autor:
Hubertus Naumann ist Schulpfarrer und Schulseelsorger an der Landrat-Gruber-Schule in Dieburg. In diesem Jahr wird er Japan besuchen und sich selbst ein Bild machen. In seiner Freizeit ist er – ganz seinem Beruf entsprechend – passionierter Schäfer.