Der Vielsprecher

Benjamin Graf erarbeitet als Spezialvikar ein Flüchtlingsprojekt im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald
BenjaminGrafHPBenjamin Graf ist zum ersten Mal in der Umstädter Stadtkirche. Er schaut sich um und steigt schnurstracks auf die Kanzel. Sprechprobe in der leeren Kirche, gestenreich untermalt. Der eloquente 33-Jährige redet gerne und viel. „Wenn ich nicht Pfarrer geworden wäre, hätte ich in der Wirtschaft etwas mit Vertrieb gemacht – Leute vollbabbeln und begeistern, einfach klasse!“, sagt er und schmunzelt.

Lernhilfe auf Arabisch
Derzeit ist er Spezialvikar im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald. Im Spezialvikariat können ausgebildete Theologen vor der ersten Pfarrstelle noch einmal etwas ganz anderes machen. Für Benjamin Graf war klar, es soll etwas mit Sprache und mit Flüchtlingen sein. Er selbst spricht Englisch, Arabisch, die jordanische Gebärdensprache sowie Russisch und beherrscht – wie alle Theologen – Latein, Hebräisch und Griechisch. Gemeinsam mit einem Professor für Sprachwissenschaft aus Saudi-Arabien und der Uni Bamberg entwickelt Benjamin Graf nun eine arabische Lautschrift für die deutsche Sprache. Diese Lautschrift soll arabischen Flüchtlingen helfen, das deutsche Alphabet und die korrekte Aussprache leichter zu lernen. Ein Beispiel: Neben dem Bild einer Gabel stehen das deutsche Wort und die Aussprache von „Gabel“ in arabischer Lautschrift.

An seinem Vikariatsort – das Vikariat ist im Theologiestudium die praktische Ausbildung im Gemeindepfarramt – hatte Benjamin Graf zum ersten Mal mit Flüchtlingen zu tun. Auf dem Weg zum Einkaufen lief ihm beinahe ein Junge ins Auto. Fast hätte er den Jungen überfahren, aber eine Eingebung bewahrte ihn davor. Er habe ihm dann auf Arabisch zugerufen, er solle aufpassen, erzählt er. „Mein Einfallstor in die Flüchtlingsarbeit.“ Von da an habe er die Flüchtlinge jeden zweiten Tag besucht und durch diesen Kontakt festgestellt, dass deutsche Wörter in einer arabischen Lautschrift einfacher zu lernen sind. Das Projekt ist Bildungsreferentin Andrea Alt zugeordnet, die im Dekanat Vorderer Odenwald auch Koordinatorin für die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit ist.

Traumberuf Pfarrer
Benjamin Graf lebt in Nieder-Roden, seine Frau ist dort Pfarrerin. Er selbst habe schon als Neun- oder Zehnjähriger auf die Frage seines Opas, was er mal werden wolle, geantwortet: „Pfarrer“. Der Opa entgegnete, dann müsse er aber evangelisch werden, damit er auch heiraten könne. Denn zu der Zeit war Benjamin Graf katholisch, auch als Messdiener im Einsatz, nahm aber später von der Kirche Abstand. Die elfte Klasse absolvierte er in den USA und kam dort in einen „Face-it-Club“ (Gesteh’s ein). Dorthin sei er mit Pizza gelockt worden, so Graf. Die Leute seien freundlich gewesen und hätten von Jesus erzählt. An Silvester sei er zu einer Party in die Kirche eingeladen worden. Der Jugendpastor habe die jungen Leute aufgefordert, ihr Leben zu überdenken. So habe er sein Leben Gott übergeben.

Als Benjamin Graf zurück in Deutschland war, schloss er sich, immer noch katholisch, der Freikirche in Wiesbaden-Nordenstadt an. „Dort war ich der ,Bibel-Benny‘ und derjenige, der alle volltextete.“ Er ging mit einer missionarischen Gesellschaft nach Jordanien, arbeitete mit einem taubstummen Kind und lernte die jordanische Gebärdensprache und Arabisch. In der Wohnung, in der er während der 15 Monate untergebracht war, fand er Dietrich Schwanitz‘ „Bildung – Alles was man wissen muss“. Das Buch fesselte ihn. Insbesondere der Satz: „Wer aber im Haus der Sprache wohnt, hat Zutritt zu allen gesellschaftlichen Sphären.“ Es brachte ihn dazu, doch noch zu studieren; sonst wäre er Missionar geworden.

Plurale EKHN überzeugte
Benjamin Graf ging nach Tübingen, denn nur dort gab es Rhetorik als Studienfach. Noch immer katholisch, studierte er neben Rhetorik evangelische Theologie. Seine damalige Freundin und jetzige Frau hat er in der Freikirche in Wiesbaden kennengelernt. Erst kurz vor Studienende besuchte er einen landeskirchlichen Gottesdienst, schaute dem Pfarrer zu und fragte sich, ob er diese Rolle einnehmen könnte. Von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hörte er, dass sie ein sehr buntes und plurales Bild abgebe. Plurales Denken, das übte er jahrelang im Tübinger Debattierclub. Das schien zu passen. Er hielt es für vorstellbar, dieser Landeskirche anzugehören – wie auch immer er sich theologisch weiterentwickeln würde. Er machte ein Praktikum in Diedenbergen. Das gefiel ihm so sehr, dass er 2013 dort in die evangelische Kirche eintrat. In Groß-Umstadt wird er nun bis zum Jahresende sein, dann geht es in eine Gemeinde.

Text + Bild: Silke Rummel