„Gemeindepädagogik hat viele Gesichter“

Gemeindepädagogisches Konzept ist Thema auf der Synode des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald
ich steh auf kunst mr anja brunsmannHPAuf der Synode am Freitag, 23. Februar, wurde das Gemeindepädagogische Konzept für das Evangelische Dekanat Vorderer Odenwald verabschiedet. Was es damit auf sich hat, wollte Öffentlichkeitsreferentin Silke Rummel von Pfarrerin Evelyn Bachler, stellvertretende Dekanin und zuständig für den Gemeindepädagogischen Dienst, wissen.

Die gemeindepädagogische Arbeit spielt eine große Rolle im Evangelischen Dekanat Vorderer Odenwald wie in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau überhaupt. Wie erklärt man einem Außenstehenden die gemeindepädagogische Arbeit?

Evelyn Bachler: Gemeindepädagogische Arbeit ist ein bisschen vergleichbar mit Sozialpädagogik oder Sozialer Arbeit. Ziel der Sozialen Arbeit ist, durch gesellschaftliche Teilhabe soziale Probleme zu reduzieren oder gar zu verhindern. Soziale Probleme entstehen häufig dann, Menschen nicht oder zu wenig in soziale Strukturen – also in Gruppen, Familien, Organisationen, Gesellschaften – eingebunden sind. Gemeindepädagogik tut dies in einem kirchlichen Kontext. Gemeindepädagogik hat viele Gesichter: Arbeit mit Kindern, Arbeit mit Familien, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Konfirmandenarbeit, Arbeit mit Seniorinnen und Senioren, intergenerationelle Arbeit, Arbeit mit Frauen, Arbeit mit Männern, schulbezogene Bildungsarbeit, Begleitung und Qualifizierung Ehrenamtlicher, Religionsunterricht, Schulseelsorge, Betreuungs- und Bildungsangebote in der Schule, Events, Ferienfreizeiten, Kindergottesdienst etc.

Was ist das Ziel der gemeindepädagogischen Arbeit?

Evelyn Bachler: Ziel ist, die Menschen in ihrer Lebenssituation ernst zu nehmen, sie abzuholen und ihnen zu ermöglichen christliche bzw. theologische Inhalte und Wertvorstellungen für sich selbst und ihr Leben erfahrbar vermittelt zu bekommen.

Wie sieht die Arbeit der Gemeindepädagoginnen vor Ort und im Dekanat konkret aus? Welche Angebote gibt es?

Evelyn Bachler: Was eine Gemeindepädagogin oder ein Gemeindepädagoge vor Ort konkret anbietet, richtet sich nach dem Wunsch und den Bedürfnissen der Menschen in den Gemeinden. Die Angebotspalette ist enorm: Für die Jugend gibt es vor Ort in den Gemeinden „Jugendkeller“ – also Treffen, Teamertreffen, gemeinsames Kochen, Geocaching, Pilgerweg, Begleitung bei Konfitagen oder Konfifreizeiten, Freizeiten, Jugendgottesdienste, Kindeswohlschulungen und vieles mehr. Bei den Kindern bieten wir die Jungschar vor Ort an, Bibelwochen oder Bibeltage, Kinderfreizeiten, Begleitung und Ausbildung der Ehrenamtlichen in der Kindergottesdienstarbeit. Und für den Bereich „Arbeit mit Menschen in der zweiten Lebenshälfte“ gibt es ganz viele unterschiedliche Angebote: Fortbildungsangebote und Seminare, wie z.B. „Gruppen leiten“ oder Veranstaltungen wie Gesprächsnachmittage über Gott und die Welt, Reiseangebote wie „Urlaub ohne Koffer“, Vorträge, Filmabende mit Diskussion oder Kreativangebote wie Oster- und Adventswerkstätten.

Was unterscheidet die gemeindepädagogische Arbeit von kommunaler Kinder- und Jugend- bzw. Seniorenarbeit?

Evelyn Bachler: Manchmal gar nicht – und doch sind die Menschen, die hier arbeiten geprägt durch ihre christliche Wertevorstellung und ihren eigenen Glauben.

Nach der Fusion der Evangelischen Dekanate Reinheim und Groß-Umstadt zum Dekanat Vorderer Odenwald wurde 2012 eine neue gemeinsame Konzeption für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beschlossen. Nun wurden die Erfahrungen der ersten Jahre ausgewertet. Was läuft gut?

Evelyn einzelEvelyn Bachler: Neu war das Arbeiten in Nachbarschaften, also einer neugeschaffenen Region. Gemeinden mussten lernen, im Bereich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen übergemeindlich zu denken und im guten partnerschaftlichen Einvernehmen sich die Arbeitszeit der Gemeindepädagogin zu teilen. Dafür wurde ein Medium geschaffen, das sich „Gemeindepädagogischer Nachbarschaftskonvent“ nannte und von allen Gemeinden mit einem Menschen beschickt wurde. Dort wurde dann die gemeindepädagogische Arbeit im Bereich Kinder und Jugend besprochen. Was wirklich gut angelaufen ist, ist die übergemeindliche Arbeit mit Jugendlichen. Sie sind es gewohnt, von der Schule her, mobil sein zu müssen. Bei der Arbeit im Bereich Kinder dagegen muss die Arbeit vor Ort stattfinden.

Und was sollte verbessert werden?

Evelyn Bachler: Die Beschickung des Gemeindepädagogischen Nachbarschaftskonvents durch die Gemeinden war problematisch. Die eigentliche Zielgruppe war kaum beteiligt, ebenso wenig die Menschen, die in dieser Arbeit tätig waren. Gemeindepädagogische Arbeit in der Nachbarschaft vollzieht sich netzwerkartig – und dieser Struktur war in der Konzeption nicht Rechnung getragen. Wir haben mit der Neukonzeption versucht, die netzwerkartige Arbeit und vor allem die Zielgruppe – also Kinder und Jugendliche – in den Mittelpunkt zu stellen. Anstatt des Gemeindepädagogischen Nachbarschaftskonvents haben wir nun einen Ideen-Planungstag (IPT) vorgesehen. Also eine Art Workshop, an dem alle Gemeinden, die einen Jugendausschuss haben oder einen Delegierten für Jugendarbeit im Kirchenvorstand gewählt haben, mit ihrer Jugendvertretung und den Menschen, die in dieser Arbeit tätig sind, teilnehmen können. Dort können dann Idee und Wünsche eingebracht werden. Ziel eines solchen Tages ist die konkrete Jahresplanung der Gemeindepädagogin in dieser Nachbarschaft.

Wo siehst Du die Chancen und Herausforderungen für die Zukunft – gerade auch mit Blick darauf, dass immer weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen?

Evelyn Bachler: Die Herausforderung wird darin liegen, die Nähe zu den Menschen nicht zu verlieren. Sie immer wieder in ihrer Lebenssituation anzusprechen und ihnen zu zeigen, dass wir etwas zu bieten haben, was sie befähigt, ihr Leben sinnvoller und glücklicher zu gestalten. Unsere Chancen im Bereich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehe ich im Angebot von Freizeiten und in Veranstaltungen mit Eventcharakter. Die wöchentliche und tägliche freie Zeit der Jugendlichen wird durch die schulische Belastung immer mehr reduziert. In einer zunehmenden Veranstaltungsflut können wir uns auf dem Markt mit vielen Mitbewerbern nur noch durch Veranstaltungen mit Eventcharakter oder etwas Besonderem platzieren. Daher bietet es sich an, dass sich mehrere Gemeinden zusammentun, um solche Events zu erschaffen oder aber gemeinsame „Jugendfreizeiten“ in den Ferien anbieten.

Fotos: oben: © medienREHvier.de / Anja Brunsmann, unten: Silke Rummel